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Gepostet by on Sep 4, 2019 in Lernen, Neu | Keine Kommentare

Berufswahl: Stärken erkennen

Berufswahl: Stärken erkennen

Das neue Schuljahr hat begonnen und für zahlreiche Kinder ist es das Letzte der obligatorischen Schulzeit. Wer noch keinen Lehrvertrag hat, sollte sich spätenstens jetzt auf die Suche nach einer Lehrstelle machen. Der Berufswahlprozess ist für alle jungen Menschen eine Herausforderung, aber für solche mit neuropsychologischen Auffälligkeiten noch einen Zacken mehr. Unsere Autorin Sarah Fuchs zeigt in diesem Artikel, dass es bei der Berufswahl nicht mehr um Defizite geht, sondern darum, die persönlichen Stärken von jungen Menschen als Ressourcen einzusetzen.

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ADHS und Berufswahl

von Sarah Fuchs

Ich unterrichte ja bekanntlich seit über 25 Jahren auf der Realschulstufe und habe so manche junge Person in die Berufsausbildung begleiten dürfen. Rückblickend gesehen ist es toll, was aus meinen ehemaligen Schülerinnen und Schüler geworden ist. Viele haben trotz ihren Special Effects ihren Weg gemacht!

Während der Schulzeit sind viele ADHSler und ihre Eltern in den vielfältigsten Situationen mit den Defiziten der Kids konfrontiert. Schnell heisst es, das Kind müsse lernen, seine Impulse zu kontrollieren. Es könne nicht still sitzen. Und so oder so habe es keine Vorstellung vom Zahlenraum, man müsse das abklären. Mit der Zeit erleben viele Eltern – nicht nur die von ADHS-Kindern – dass sich ihr Blick nach und nach von Ressourcen ihres Kindes weg, und hin zu seinen Defiziten wendet. Es geht ja gar nicht anders, wenn dem Kind tagtäglich seine Unzulänglichkeiten als Spiegel vorgehalten werden. Als Eltern standhaft auf der Seite der Ressourcen zu bleiben, das wird schwierig.

Als Lehrpersonen in der Schule gehört es leider auch zu unseren Aufgaben, Auffälligkeiten im Verhalten der Kinder zu dokumentieren, anzusprechen und allenfalls Abklärungen in Gang zu setzen. Nur mit einer offiziellen Diagnose von offizieller Seite erhalten Kinder in einem Wohnkanton mit special Effects Zugang zu Unterstützung, Therapien und Nachteilsausgleich (das ist übrigens von Kanton zu Kanton verschieden).

Wenn Eltern mit ihrem Kind im Berufswahlprozess Erfolg haben wollen, muss sich ihre Perspektive und Sichtweise am Ende der obligatorischen Schulzeit wieder ändern! Denn nun sind nicht mehr die Defizite gefragt, die es möglichst zu „reparieren“ gilt, sondern ab jetzt geht es um die Stärken der jungen Menschen und was sie drauf haben!

Der Blick MUSS sich also schlagartig ändern, sonst wird das Vorhaben, mit den Jugendlichen einen Platz zu finden, an dem sie ihre Stärken einsetzen und Erfolg haben können, nicht gelingen. Ich bin überzeugt, dass es für jeden Menschen einen Ort gibt, an dem er seine einzigartigen Fähigkeiten zielführend und gewinnbringend einsetzen kann! Auch für Menschen mit Special Effects gibt es Berufe, bei denen sie sich wohl fühlen, weil es für sie passt!

Zielsetzung bei der Berufswahl

Und genau darum geht es in der Berufswahl mit einem Jugendlichen, einer Jugendlichen mit ADHS:

  • Wie sieht ein Platz genau aus, an dem ein Mensch mit ADHS seine ganz spezifischen Fähigkeiten einsetzen kann und an dem seine Special Effects nicht ins Gewicht fallen?
  • Über welche individuellen Stärken verfügt diese junge Person?
  • Wo kann er / sie diese zielführend einsetzen?
  • Was braucht es schulisch, um dieses Ziel zu erreichen und welche Ausbildungswege gibt es?

Also grob gesagt: Wir üben die Quadratur des Kreises!

Der übliche Berufswahlprozess ist für Kinder mit ADHS ungeeignet

Die Unterstützung der Schule im Berufswahlprozess hilft bei Jugendlichen mit ADHS aus meiner Erfahrung wenig. Der Berufswahlprozess in der Schule ist für „untypische“ Kinder zu genormt:

  • ich lerne mich kennen,
  • ich lerne die Berufswelt kennen,
  • ich vergleiche mich mit der Berufsweilt,
  • ich entscheide mich

Jugendliche mit ADHS brauchen eine Zusatzschleife, damit sie für ihr späteres Leben genau „ihren“ Platz finden können.

Sonst stossen sie schnell an ihre Grenzen und kommen nicht weiter, und ihre Motivation, sich mit der Berufswelt und mit den eigenen Fähigkeiten auseinanderzusetzen, sinkt rapide.

Der Traumberuf als Entscheidungshilfe

Manchmal hilft da ein kleiner Trick, indem man die Jugendlichen nach ihrem Traumberuf fragt. Die meisten kommen ins Schwärmen, wissen aber instinktiv, dass dieser Beruf wohl ausserhalb ihrer Reichweite liegt.

Nach den Sternen zu greifen ist trotzdem gut! Es gibt einen gehörigen Motivationsschub.

Mit Hilfe des Traumberufs kann man mit der jungen Person das Berufsbild zu analysieren:

  • Was finden die Jugendlichen an diesem Beruf so interessant?
  • Welche Fähigkeiten würden sie in diesem Beruf benötigen?
  • Welche Hürden müssten sie nehmen?
  • Und vor allem: Welche Fähigkeiten, die sie besitzen, sind in welchen anderen Berufen auch noch gefragt?

Anhand der Antworten auf die letzte Frage kann man anschliessend den aktuellen Berufswahlkatalog durchkämmen. Nach meiner Erfahrung finden die Jugendlichen immer einige Berufe, in denen die Anforderungen weniger hoch sind, die aber mit ihren Fähigkeiten und Eigenschaften des Traumberufes ebenfalls erfüllt werden können. Es reicht vorerst, wenn das Kind in dieser Phase zwei, drei Berufe EFZ (eidg. Fähigkeitszeugnis) finden, das es sich als Alternative zum Traumberuf vorstellen könnte.

Berufserkundung

Nachdem einige mögliche Berufe für die Vorauswahl gefunden wurden, muss der Jugendliche motiviert und unterstützt werden, eine ein- bis dreitägige Berufserkundung in einem der neu gefundenen Berufe zu organisieren.

Für viele Kinder ist dieser Schritt schwierig, weil sie sich zuerst einmal überwinden müssen, in einen Betrieb anzurufen. Und oft wissen die Betriebe selber nicht genau, ob sie überhaupt junge Leute zum Schnuppern nehmen oder nicht. Manchmal hilft es, mit dem Jugendlichen ein solches Gespräche kurz zu üben. Die Jugendlichen können sich auch mit Hilfe eines Elternteils Notizen machen, was sie im Telefongespräch für die Berufserkundung alles fragen müssen.

Im besten Fall kommt es relativ schnell zu einer Berufserkundung. In anderen Fällen – auch schon erlebt – braucht der Jugendliche einen längeren Atem und mehr erwachsene Unterstützung.

Bei der Berufserkundung ist eine sorgfältige Planung und Vorbereitung nötig. Gerade ADHSler, die nicht gerne neue und unerwartete Dinge haben, sollten vorher alle Fakten gut abklären. Es lohnt sich, den Weg mit dem öffentlichen Verkehr, dem Fahrrad oder dem Mofa einmal mit dem Jugendlichen abzufahren, und auch mal schauen zu gehen, wie der Betrieb aussieht, wo der Eingang ist usw.

Am Telefon kann das Kind den genauen Tagesablauf erfragen, um mehr Sicherheit zu erlangen zu eine Ahnung zu haben, was ungefähr auf ihns zukommt. Jedes geklärte Detail hilft einem ADHSlern anschliessend bei seiner Berufserkundung.

Am Tag des Schnupperns ist es wichtig, genug Zeit einzuplanen. Ich empfehle allen Schnuppernden, dass sie sich ein Feedback von der Ausbildnerin oder dem Ausbildern einholen. An manchen Schulen ist dies eh schon mittels Formular (Bsp. aus dem Berufwahltagebuch) vorgegeben.

Dieses Feedback ist ungemein wichtig! Passt der Beruf zum ADHSler oder der ADHSler zum Beruf, erleben die meisten Jugendlichen zum ersten Mal, wie es sich anfühlt, wenn sie am richtigen Ort sind und sie ihre Fähigkeiten und Stärken einbringen können und ihre special Effects nicht ins Gewicht fallen. Meistens beflügelt allein diese Tatsache die Jugendlichen enorm und sie gehen danach motivierter und zielgerichteter zur Schule, weil sie ein mögliches Ziel vor Augen haben. Es tut den Jugendlichen sehr gut, von einer anderen Stelle zu hören, was sie gut können und wie sie sich toll eingesetzt haben!

Das Prozedere mit dem Berufswahlkatalog kann noch ein paar Mal durchgeführt werden. Dabei lernen die Jugendlichen sich selbst immer besser kennen, bekommen nach jeder Berufserkundung und nach jeder Schnupperlehre spezifischere Rückmeldungen zu ihren persönlichen Fähigkeiten und Stärken.

Gegebenenfalls lässt sich dieser Prozess durch einen Termin auf der kantonalen Berufsberatung unterstützen, wo der Teenager noch weitere Informationen über mögliche, für ihn geeignete Berufsfelder erfragen kann.

Schnupperlehre und Lehrvertrag

Am Ende der 8. Klasse müssen sich die Kids für einen Lehrberuf entscheiden. Am besten wäre es, wenn sie an diesem Punkt noch drei Berufe zur Auswahl hätten, damit eine Alternative vorhanden ist, wenn es im Wunschberuf nicht klappen sollte.

Bei den anschliessenden Schnupperlehrern, die meist mindestens drei Tage, besser noch eine Woche dauern, geht es darum, eine passende Lehrstelle zu finden. Die Jugendlichen haben nun genug Erfahrung, damit sie schnell merken, ob sie mit ihrem ganz eigenen Profil in diesen Betrieb passen oder nicht. Hier gilt es, die Nerven zu behalten, wenn es halt nicht ganz passt, und abzuwarten, bis die wirklich passenden Lehrstelle gefunden wird.

Der ganze Prozess der Berufswahl dauert vom ersten ernsthaften Nachdenken bis zum Unterschreiben des Lehrvertrags ungefähr zwei Jahre! Es ist ein Prozess, in dem die Stärken und Interessen des ADHSlers gefragt sind.

Es ist dabei wirklich wichtig, sich an den ganz spezifischen Fähigkeiten des Menschen mit ADHS zu orientieren. Nur so kann er genau den Platz finden, an dem er seine Fähigkeiten einsetzen kann und an dem seine special Effects nicht ins Gewicht fallen – und im besten Fall sogar als Stärken auftragen! Zum Beispiel kann die Eigenschaft „sieht und hört alles“ dort, wo still gearbeitet werden muss, ein Nachteil sein. Arbeitet jemand aber mit kleinen Kindern, ist dieselbe Eigenschaft ein grosser Vorteil, eine eine absolute Stärke!

Ich wünsche mir von den Schulen, dass sie sich an den Stärken aller Kinder orientieren, denn so können wir sie zu ungeahnten Höhenflügen begleiten!

Du, liebe Leserin, lieber Leser, kannst damit ja gleich jetzt beginnen! Was sind die Stärken deines Kindes? Worin ist es sehr gut? Was zeichnet es speziell aus? Welche Eigenschaften hat es und wo könnten diese besonders gefragt sein?

Denk darüber nach – Es lohnt sich!

Ich grüsse euch alle herzlich.

Eure Sarah Fuchs

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Sarah Fuchs ist Mutter von zwei Mädchen (11 und 14 Jahre alt). Das Ältere hat ein diagnostiziertes ADHS, respektive eine Mischform mit ADS. Zudem arbeitet Sarah seit knapp 25 Jahren als Reallehrerin. Sie hat sich also sowohl privat als auch beruflich mit vielen Entwicklungsstörungen auseinander gesetzt, insbesondere mit ADHS/ADS. Ansonsten ist Sarah sowohl als Mutter als auch als Reallehrerin bedürfnis- und lösungsorientiert unterwegs. Alle Artikel von Sarah findest du hier

 

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