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Gepostet by on Dez 24, 2019 in Neu, Zusammenleben | Keine Kommentare

Selbstregulation in stressigen Zeiten

Selbstregulation in stressigen Zeiten

Kasimir ist schon 10 Jahre alt aber bis heute hat er nicht gelernt, sich selbst zu regulieren (d.h. sich selbst zu beruhigen) wenn der Stress zu hoch wird oder wenn er überreizt ist. Er kann dann wie seine Erregung und Reaktion darauf nicht mehr dimmen und ist unkontrollierbar aufgedreht. Ich weiss, dass viele Eltern von Vorschul- und Schulkindern dieses Problem gerade während den Feiertagen sehr gut kennen.

Bei hyperaktiven Kindern ist der Grad der Anspannung schon in entspanntem Zustand höher als bei anderen und um Advent und an Weihnachten gehen diese Kinder durch die Decke. Wenn ein gewisser Grad von Erregung überschritten ist, schaffen es diese Kinder nicht mehr, sich selbst zu beruhigen, und benötigen unsere Hilfe dazu. Es fehlt an der so genannten Selbstegulation.

Kasimir ist schon seit Wochen ausser Rand und Band. Mit der Schule werden sie an Weihnachten ein Theaterstück aufführen und er wird bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal vor Fremden Gitarre spielen. Er schläft zu wenig und isst zu viel Süsses. Er ist völlig übertreht und wechselt manchmal im Sekundentakt zwischen Anhänglichkeit, Unsicherheit, Wutanfällen und impulsiven Respektlosigkeiten und Hirnlosigkeiten. Als er noch ein Baby war, konnte ich ihn in solchen Momenten ins Tragetuch nehmen und er beruhigte sich sehr schnell. Leider ist er unterdessen etwas schwer dafür.

An manchen Tagen brülle ich ihn dann einfach an. Und er brüllt zurück, wie es sich in der Vorpubertät gehört. Oder wir haben endlose Machtkämpfe. Resultat: noch mehr Stress, noch mehr Emotionen. Dazu kommt das schlechte Wetter, Dauerregen, draussen spielen ist bei dem Sauwetter kaum möglich und er trifft sich mit seinen Kumpels lieber zum Gamen. Der Bildschirm hilft bei Überreizung auch nur bedingt.

Ich war deshalb froh, als ich bei Nicole Schwarz („Imperfect families“) über den Artikel „Helping your child self-regulate during the holidays“ gestolpert bin. Sie hat ein paar hilfreiche Tipps zusammengestellt und mit ihrer Erlaubnis darf ich sie hier teilen:

1. Auf die Bedürfnisse des Kindes achten

Frage: Was braucht das Kind, um gut mit den Anforderungen klar zu kommen, die an ihns gestellt werden?

In Katharinas Survival-Tipps hat es ein paar gute Ideen. Es geht immer darum, auf das Kind zu achten und sich zu fragen: Was braucht es jetzt gerade? (nicht: was will es!) Ist es Bewegung? Dann raus mit ihm an die frische Luft, egal wie das Wetter ist. Hat es eine Überdosis Zucker erwischt? dann weg mit den Süssigkeiten, am besten unter Verschluss und nur noch in kleinen Portionen herausgeben.

Oder ist das Kind an Familienfesten verunsichert und „flattert“ deswegen herum? Dann kann man ihm im Voraus darüber erzählen, wo man hinfährt, wer dort alles sein wird, was von ihm erwartet wird (z.b. alle grüssen und dann darf es spielen gehen),… so dass es sich auf den Tag einstellen kann.

Vielleicht ist es in den Festtagskleidern nicht wohl und deswegen angespannt? Dann kann man es an der Auswahl beteiligten, die Sachen schon ein paar Tage vorher hervor nehmen, es probetragen lassen… Aber ehrlich: Wäre es wirklich so schlimm, wenn es statt des hübschen Röckleins die Lieblingsleggins, statt der engen Jeans eine anstädige Trainerhose anziehen würde?!

2. Die Beziehung stärken

Frage: Wie kann ich kleine Momente der Ruhe in den Tagesablauf einbauen, um mitten im Chaos die Verbindung zum Kind wieder herzustellen?

Statt am Morgen loszuhetzen kann man schon am Vorabend alles parat machen und dann vor dem Abfahren noch 10 Minuten zusammen in Ruhe spielen, um danach ruhig ins Auto oder den Bus zu steigen.

Man kann proaktiv mit dem Kind kuscheln und es auch an einem mit Menschen überfüllten, lauten Ort immer mal wieder umarmen um ihm zu zeigen, dass man da ist und es lieb hat. Dann kann man danach auch wieder in Ruhe mit Tante Agathe plaudern.

Wenn das Kind vor und während den Feiertagen vor Aufregung den Schlaf nicht finden kann, legt man sich am besten zu ihm ins Bett. Das ist die pragmatische Lösung, die meistens zum Erfolg führt. Das gemeinsame Kuscheln beim Einschlafen hilft dem Kind, herunterzufahren und es kann dabei auch seine Erlebnisse des Tages teilen und seine Fragen oder Sorgen anbringen. Wenn das nicht hilft, hat es hier für Schulkinder und hier für Babys und Kleinkinder noch ein paar Tipps zum Einschlafen.

Was immer hilft, um Spannung herauszunehmen, ist gemeinsam Lachen. Wir haben als Kinder mit meinen Geschwistern Weihnachtslieder abgeändert („Leise pieselt das Reh gelbe Spur’n in den Schnee“) und fanden das unendlich lustig. Auch mit Kasimir entschärft nichts so schnell einen sich anbahnenden Wutanfall wie ein paar Witzchen über Fäkalien.

Nicole Schwarz hatte noch die Idee vom gemeinsamen Random Act of Kindness. Das gefällt mir: Sich zusammen ausdenken, wem in der Umgebung man heimlich etwas zu liebe tun könnte. Ein gemeinsames positives Geheimnis stärkt die Verbindung auf wunderschöne Weise und entspricht der Idee von Weihnachten, so dass es wunderbar in diese Zeit passt.

3. Mehr Geduld als sonst

Frage: Was brauche ich selbst, um trotz des Stresses und des aufgeregten Kindes meine Geduld nicht zu verlieren und wohlmeinend auf mein Kind eingehen zu können?

Mir hilft es, die Erwartungen an mich selbst herunterzuschrauben. Klar sieht man im Internet so viele hübsche Sachen, neue Rituale, Adventskalender, Bastel- und Dekorationsideen, da würden auch 30-Stunden-Tage nicht ausreichen. Ich habe gelernt, zu verzichten und auch mal fünf gerade sein zu lassen. Seither bin ich weniger gestresst!

Meistens bleiben aber auch so noch genügend Dinge zu erledigen, und man hat nur zwei Hände. Um Hilfe zu bitten ist schwierig, und nicht alle haben die Möglichkeit. Wer kann, sollte sie aber nutzen! Denn wenn zum Beispiel Kasimir bei einer Nachbarin spielen kann, kann ich sehr viel mehr erledigen, als wenn ich ihn auch noch beschäftigen müsste und am Abend habe ich erst noch Zeit und Gelassenheit übrig, um auf ihn einzugehen (was nich der Fall wäre, wenn ich am Rad drehe).

Etwas, das auch viel zu kurz kommt, ist „Nein“ sagen. Ok, wenn eine Nachbarin mir hilft, muss ich schon dafür sorgen, dass die „Gefallen-Waage“ ungefähr ausbalanciert bleibt. Aber ich muss nicht sonst überall noch „hier“ rufen, wo Freiwillige gesucht werden! Am Schulfest kann jemand anderes helfen, und Kuchen für den Weihnachtsmarkt der Kirchgemeinde und die Sammelaktion des Eishockey-Clubs kann ich auch jemand anderem überlassen (oder ausnahmsweise Kuchen einkaufen).

Das führt mich zum Thema Vereinfachen. Viele von uns machen es sich wirklich schwer, wenn sie alles perfekt erledigen wollen. Gut genug reicht in den meisten Fällen auch, kein Mensch sieht den Unterschied zu perfekt. Ausser uns selbst, aber müssen wir wirklich lernen, unseren Ansprüche herunterzuschrauben.

Auch zeitlich müssen wir uns weniger vornehmen. Natürlich könnte man an jeden Weihnachtsmarkt und jede Adventsaktion, aber dann käme ich gar nicht mehr zu Ruhe und Kasimir auch nicht. Lieber versuche ich jeden Tag, ein paar Minuten für mich selbst abzuzwacken, um meine eigenen Batterien aufzuladen. In meinem Fall wäre das jetzt nicht das oft genannte Schaumbad, sondern eher mal in Ruhe etwas Schreiben, oder ein Fachbuch lesen.

trennlinie

Wir sind alle verschieden und von diesen Tipps funktionieren nicht alle für jede Familie. Aber ihr versteht, worauf ich hinaus will: Schaut gut zu euren Bedürfnissen und zu denen eurer Kinder und macht darüber hinaus vor allem was euch Freude macht.

Ich wünsche euch allen schöne und stressfreie Feiertage mit euren kleinen Wirbelwinden!

Annegret

Wer ist Annegret Weibel?
Ich wohne im Kanton Bern. Mein Sohn Kasimir (10) hat einige Herausforderungen bei seinen Exekutivfunktionen, kann keine Sekunde stillsitzen und handelt meistens schneller, als er denken kann. Unser Familienleben kann deshalb an manchen Tagen ganz schön turbulent werden. Ich möchte hier mit euch teilen, was wir alles machen, um möglichst gelassen durch den Alltag zu kommen.

 

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